“Aufgeschoben, bitte!” – Mit wenig Geld viel erreichen!

„Eine ältere Dame konnte an der Kasse ihre Semmeln nicht bezahlen“ und „Ich weiß von einer Rentnerin die, aus Geldnot, Discountermüll durchsucht“ sind Sätze, die Brigitte Salaaoui zu hören bekommt, als sie mit “Aufgeschoben, Bitte!” anfängt. Sie selbst hat erlebt, was es heißt plötzlich zu wenig zu haben und wie wertvoll dann die kleinsten Gesten werden. Mit der Aktion versucht sie bedürftigen Menschen unter die Arme zu greifen. Das tolle daran: Mit wenig Geld kann viel erreicht werden!

Du durchwühlst deine Geldtasche, leicht zittrig, zählst still mit und fühlst die Blicke. Zu wenig Geld, nicht schon wieder. Wie kann das sein? Jeden Cent hast du den Monat umgedreht. Du siehst hoch, ein junger Kassierer sieht dich mit seinen müden Augen an. Er lächelt vorsichtig, vermutlich weiß er bereits, dass du nicht zahlen kannst. Dir bleibt nur ein „Das Schwarzbrot nehme ich doch nicht!“ und du gehst, während deine Wangen aus Scham rot glühen.

Kleinigkeiten für die einen, ganz große Geste für die anderen.

So eine Situation wünscht man vermutlich niemanden und erst recht nicht sich selbst. Brigitte hat es sich zur Aufgabe gemacht für

“Keiner soll sich schämen, wenn er Hilfe in Anspruch nimmt” Brigitte Salaaoui

Menschen, die zu wenig haben, einzustehen. Meist sind die Leute nicht einmal selbst schuld daran. Ob Altersarmut oder plötzliche Krankheit, Gründe dafür gibt es viele. Mit ihrer Aktion „Aufgeschoben, bitte!“ ermöglicht sie dem ein oder anderen Rentner die zusätzliche Tasse Kaffee oder Semmeln beim Bäcker.

Wir von scho gseng wollen jeden Advent ein tolles Projekt oder Menschen vorstellen, die sich für einen guten Zweck engagieren.

Brigitte hat sich als erste bereiterklärt und wurde gleich mal ein wenig gelöchert. Warum macht sie das? Was sind ihre Erfahrungen mit “Aufgeschoben, Bitte!”? Wie motiviert sie sich?

1. Advent – Interview:

Wie funktioniert „Aufgeschoben, Bitte?“

Jeder, ob Traunsteiner Bürger oder Chiemgauer, kann in eins der teilnehmenden Cafés oder Bäckereien einkaufen gehen und zusätzlich etwas zahlen. Das können Kuchen, Kaffee oder Sandwiches sein. Der Kaffee wird dann beispielsweise „aufgeschoben“ für jemanden, der sich diesen nicht leisten kann, sei es ein Obdachloser, eine Alleinerziehende die knapp bei Kasse ist oder der arme Rentner.

(Einschub der Redaktion: mittlerweile hat sich auch ein Friseursalon bereit erklärt mitzumachen. Also kann man nun auch Geld für Haarschnitte spenden.)

 Wie bist du auf die Idee gekommen?

Die Idee dahinter gibt es schon seit längerem, ich selbst hab darüber im Internet gelesen. Das fand ich gleich so toll, dass ich mich da mehr darüber informiert habe. Solche Aktionen gibt es mittlerweile immer öfter, zum Beispiel in Rosenheim oder Österreich, die meisten sind nur nicht zusammengeschlossen.

Was ist deine Motivation dahinter?

Es gab Momente in meinem Leben, wo ich dachte „Es geht nicht mehr weiter!“ Und immer wieder bekam ich dann doch irgendwie Hilfe. Das Faszinierende, was ich dabei gelernt habe: Man kann auch geben, wenn man selbst vielleicht nicht viel hat. Die kleinsten Gesten können sehr viel und vor allem großes in einer Situation, aber auch bei einem selbst, bewirken.

Vermutlich wäre uns allen geholfen, wenn Menschen mehr geben würden, ohne großartig was dafür zu erwarten. Das ist kein Gutmensch-Getue von mir, sondern Erfahrung. Klar jeder hat seine Schicksalsschläge und schlimmen Erlebnisse, man kann das aber in etwas Positives umwandeln und muss nicht frustriert werden. Das besondere ist, wenn man danach handelt, dass man Gegebenes in Form von Liebe zurückbekommt. Das ist oft sehr viel mehr wert.

Wie waren die Anfänge?

Angefangen habe ich im letzten Winter, als es so kalt war. Dabei habe ich die wüstesten Geschichten zu hören bekommen. Sei es eine alte Frau, die das Kleingeld für Semmeln nicht mehr zusammenbekommen hat oder von einer Dame, die mehr oder weniger im Auto lebt und sich, wenn sie das Geld zusammen bekommt, einen Cappuccino kauft. Hauptsächlich habe ich Klinken geputzt und habe so die Idee von „Aufgeschoben, Bitte!“ verbreitet.

Mittlerweile ist es eine große Bereicherung. Ich wurde sehr gut von meinem privaten Umfeld unterstützt und habe somit auch ganz viele tolle Menschen kennengelernt, die sich mit ihren Unternehmen gerne daran beteiligen.

Wie viel Zeit nimmt das für dich in Anspruch?

Jeden Tag durchschnittlich eine halbe Stunde, im Winter natürlich mehr. Ich bekomme mittlerweile auch Anfragen, ob ich jemanden weiß, der Kleidung benötigt. Das gebe ich dann gerne weiter.

Gutscheinde sollen der Hemmschwelle entgegenwirken.

Wie viele haben da schon mitgemacht?

Ich habe immer wieder Kontakt zu den Betreibern, die mitmachen. Menschen geben viel und zahlen gerne für unbekannte bedürftige mit, das ist toll. Allerdings ist es derzeit noch schwierig, dass Leute die gezahlten Spenden annehmen.

Die Menschen haben da scheinbar noch eine Hemmschwelle, obwohl es eigens für sie gedacht ist. Ich hoffe, dass es immer bekannter wird und für die Menschen nichts mehr Abwegiges ist, denn es gibt nichts wofür man sich dabei schämen muss!

Keiner erfährt es, das Geld wurde mit Liebe gezahlt und ist genau dafür da. Man muss nichts vorweisen oder sonstiges.

(Unternehmen die teilnehmen in der Info)

Kurze Info:
Name: 
Brigitte Salaaoui

Alter:
50 Jahre alt

Beruf:
Justizangestellte


Herkunft:
aus Traunstein


Wunsch für die Zukunft: 
Dass "Aufgeschoben bitte!" zur Normalität wird und viele mitmachen und sich eine alleinerziehende Mutter, Rentnerin oder Obdachloser nicht dafür schämen brauchen, wenn sie Hilfe annehmen.

Teilnehmer der Aktion: 
Bäckerei Schneider (Stadtplatz, Traunstein), Bäckerei Deisenseer (Schützenstraße Traunstein), Brothaus Lehrbach (Filiale Rathausplatz, Traunreut), CCC Oswald (Maxstraße Traunstein), Vickie's Chat and Chill (beim Bahnhof in Trostberg), Dein Bäcker Chieming (Traunstein in der Chiemseestraße), Cafe Carioca (Höllgasse, Traunstein) und Laura Latini Hair&Style (Traunstein).

(Werbung wegen Namensnennung, aber komplett unbezahlt!)

 

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2 Kommentare zu ““Aufgeschoben, bitte!” – Mit wenig Geld viel erreichen!

    • Auf jeden Fall! Es gibt ein paar solcher Projekte, die sich anders nennen. Allerdings scheint es noch nicht verbreitet genug zu sein.
      Für BGL wäre das sicher auch großartig, ob Laufen oder Freilassing… Jeder hätte etwas davon! 🙂

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