“Für uns, für alle – Gemeinsam!” – Gemeinde Kirchanschöring macht’s vor

Nein! Nein zu Spekulationen mit Waffen oder Lebensmittel. Nein zu Einsamkeit im hohen Alter. Nein zu Langeweile für Jugendliche. Ja zu Solidarität. Ja zu Menschlichkeit. Ja zu Nachhaltigkeit. Kirchanschöring wird erste Gemeinwohl-Gemeinde. Somit ist die Gemeinde einzigartig in Deutschland. Was machen diese Kirchanschöringer denn nun so anders?

Rosi, die mit 78 Jahren ins Altersheim musste, weg von zu Hause, weg von Freunden und Familie. Michael, dessen Vater immer wieder seinen Namen vergisst und weiter abbaut, Diagnose Demenz. Der siebzehnjährige Andreas, der sich zwar für Musik interessiert und gerne mit Altersgenossen austauscht, aber nicht weiß wohin.

Kirchanschöring im Landkreis Traunstein
Erste Gmeinwohl-Gemeinde in Deutschland: Kirchanschöring

Ein kleines gallisches Do…Pardon…ein kleines bayerisches Dorf im Rupertiwinkel hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau solche Menschen nicht alleine im Regen stehen zu lassen. Zusammenhelfen, aus einem Plan Tatsachen entstehen lassen und dabei Spaß und Freude haben, war das Ziel. In diesem Fall hat nicht nur ein einzelner Mensch viel erreicht, sondern verschiedene Gruppen, verschiedenen Alters. Dafür wurden sie nun belohnt:

Gestern überreichte man der Gemeinde Kirchanschöring die Gemeinwohl-Bescheinigung. Sie sind damit die erste Gemeinde in ganz Deutschland!

Aber was hat es denn jetzt mit dieser Auszeichnung auf sich?

Isabella Klien – Beraterin der GWÖ-Regionalgruppe Salzburg
  • Menschenwürde,
  • Solidarität,
  • ökologische Nachhaltigkeit,
  • soziale Gerechtigkeit,
  • Mitbestimmung und Transparenz.

Darauf klopfen die Menschen in der Gemeinde, in Betrieben, Einrichtungen oder Organisationen ihr TUN und WIRKEN ab. Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) beschreibt nämlich eine sozialere, ökologischere und demokratischere Wirtschaft. Gemessen wird das alles in einer Gemeinwohl-Bilanz, die nicht den Finanzgewinn beachtet, sondern die Mehrung des Gemeinwohls.

Make love, not war!

Kurz und knackig wurde das in der Gemeinde Kirchanschöring folgendermaßen umgesetzt:  „Make love, not war!“, viele Begegnungen in einem besonderen Haus, kein Holz aus dem Regenwald und am Bahnhof liegt KuBa, wo man Schafkopfen lernen kann!

Wir fassen für euch ein paar interessante Gegebenheiten zusammen. (Es gibt weit mehr aber der Gemeinwohl-Bericht hat über 130 Seiten und das würde den Beitrag sprengen.)

Das Haus der Begegnung wurde für Senioren und andere hilfsbedürftige Menschen, die in ihrem Umfeld bleiben wollen, gebaut. Pflegekräfte, Gemeinschaftsräume, medizinische Versorgung und das direkt in der Dorfmitte. 15 Jahre hat man mit den Einwohnern geplant und nie aufgegeben.

Jungen Leuten wird hier gerne zugehört! – die KuBa-Vertreter

Das Bahnhofsgebäude hatte vor ein paar Jahren seine beste Zeit hinter sich und war für Ankommende am Bahnhof kein schöner Anblick mehr. Also krempelte man auch hier die Ärmel hoch und entstanden ist: KuBa – Kultur am Bahnhof. Jugendliche diskutieren hier über Politik, planen ihr Festival im Grünen und bringen jedem, der vorbei kommt das Schafkopfen bei, egal ob er will oder nicht. Veranstaltungen von Secondhand-Kleidermärkten bis Kunst und Kultur. Willkommen ist jeder, ob Alt oder Jung.

Ein Secondhandladen, wo man sich nicht schämen muss, wenn man rein geht: der G’wandladen. Gut erhaltene Kleidung kann hier abgegeben oder günstig eingekauft werden. Der komplette Erlös geht an den Sozialfond der Gemeinde.

Hier einige weiter konkrete Beispiele, gegliedert nach den Berührungsgruppen, die für die Bescheinigung ausschlaggebend waren:

    • EigentümmerInnen & FinanzparterInnen:

Es werden KEINE langfristigen Geldanlagen bei Banken gemacht, die mit Waffen oder Nahrungsmittel spekulieren. Außerdem müssen Banken nachweisen, dass sie keine Geschäfte machen mit: Gentechnik, Kinderarbeit und Staaten, die Menschenrechte verletzen.

  • Gesellschaftliches Umfeld: 

Pflegebedürftige mit erhöhtem Windelaufkommen erhalten von der Gemeindeverwaltung kostenlos zwei Müllsäcke pro Monat. Räume für (meist) private organisierte Selbsthilfegruppen für Angehörige Demenzkranker.  Gesundes Frühstück durch den Gartenbauverein in der Schule, Obstbaumbepflanzungen, Verbot von fossilen Brennstoffen im Baugebiet, Teilnahme an der Ökomodellregion „Waginger See – Rupertiwinkel“. Bürgerbeteiligungen durch Versammlungen, Workshops oder Expertengruppen. Die Gemeinde unterstützt mit rund 100 000 Euro die Betreuung der Kinder im Haus für Kinder St. Elisabeth. 

  • LieferantInnen:

Holz und andere Materialien, die zum Bauen gemeindlicher Gebäude verwendet werden, müssen zertifiziert sein und das Herkunftsland nachweißen können. Kugelschreiber, Briefumschläge und Papier müssen nachhaltig sein und den „Blauen Engel“ haben.

Im Landkreis Traunstein, Rupertiwinkel
  • KundInnen & Mitunternehmer:

Keine Verwendung chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel auf kommunalen Flächen. Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden im Bereich Tourismus, Wasserversorgung, Umwelt, Schule oder zukünftige Entwicklungen. Grünflächen für Honigbienen, Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge oder Käfer.

  • Mitarbeitende

Keine Leih- bzw. Zeitarbeit oder unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung. Gleicher Lohn für Frau und Mann, ausschlaggebende ist die Qualifikation.

Verleihung der Bescheinigung (von links: Kurt Egger, Isabella Klien, BM Hans-Jörg Birner)

Insgesamt hat die Gemeinde 588 Punkte abgeräumt. Bei der Verleihung meinte Bürgermeister Hans-Jörg Birner: “Da es 1000 Punkte zu erreichen gibt, ist noch Luft nach oben!” Also darf man gespannt sein, was den Kirchanschöringern noch so alles einfällt.

 

kurze Info:
Gemeinde: 
Kirchanschöring, Landkreis Traunstein, Rupertiwinkel

Einwohner: 
Über 3300 Einwohner

Durchschnittliche Investitionen pro Jahr: 
circa 2,3 Mio Euro (Ergebnis 2016) 

Ortsteile: 
49

Fläche: 
25,23 km²

Bürgermeister: 
Hans-Jörg Birner
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